Im Folgenden ist der Bericht von Roberta Rada (Institut für Germanistik) über das gemeinsame diskurslinguistische Forschungsprojekt der Eötvös-Loránd-Universität und der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck zu lesen, das die Entstehung, Verwendung und Bedeutungsentwicklung der Metapher „Österreich als Laboratorium Ungarns“ im ungarischen Coronavirus-Diskurs zwischen 2020 und 2022 untersuchte.
Die Forschung ist im Rahmen des von mir (R.R) geleiteten, gemeinsamen diskurslinguistischen Forschungsprojektes der Eötvös-Loránd-Universität Budapest und der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck den Jahren 2022-2023 durchgeführt worden. Es trug den Titel „Der Corona-Diskurs in Österreich und Ungarn. Linguistische Annäherungen im interkulturellen Kontext” (Finanzierung: AÖU, Projektnummer 110öu4). Die Zielsetzung des Projektes bestand in der korpusbasierten, diskurslinguistischen Analyse des in der Online-Berichterstattung geführten Diskurses über die Corona-Pandemie in Österreich und Ungarn. Im Laufe der Analyse des ungarischen Korpus (Teilkorpus blikk.hu: 341 Texte, 107.524 Tokens und Teilkorpus 24.hu: 1072 Texte, 809.199 Tokens) sind den ungarischen Projektmitgliedern Äußerungen des folgenden Typs aufgefallen, z.B. „Viktor Orbán sagte, Österreich sei das Labor, und Ungarn verfolge die dortigen epidemiologischen Maßnahmen, denn alles, was dort geschehe, werde mit einer Verzögerung von ein oder zwei Wochen auch in Ungarn erfolgen.“ (blikk.hu, 18.11.2020)
Diese haben wir als die sprachlichen Realisierungen einer Metapher, nämlich „Österreich ist ein Laboratorium für Ungarn“ betrachtet, die ich dann näher unter die Lupe genommen habe. Wie eine weitere Recherche ergab, ist die Metapher am 10. April 2020 in einem Radiointerview von dem ungarischen Ministerpräsidenten in den ungarischen Corona-Diskurs eingeführt worden. Er selbst verwendet diese Metapher in den Jahren 2020 und 2021 in insgesamt 11Texten (7 Interviews im Radio und Fernsehen, eine Wortmeldung im ungarischen Parlament und eine Rede auf einer Pressekonferenz), die das Korpus meiner Untersuchung bildete.
Ich wollte erschließen,
was genau unter der Metapher „Österreich ist ein Laboratorium für Ungarn“ im ungarischen Corona-Diskurs zu verstehen ist
ob und wie diese Metapher im Diskurs ausdifferenziert wird und welche diskursive Dynamik sie entfaltet.
Als theoretischen und methodologischen Rahmen für die Untersuchung habe ich die diskurssemiotische Auffassung von M. Siefkes (2013) herangezogen. Siefkes definiert Diskurse als „Zeichenpraktiken, die sich eines oder mehrerer Kodes bedienen. Die Ergebnisse der Zeichenhandlungen, die gemeinsam einen Diskurs konstituieren, sind Texte (Zeichentoken oder Zeichenkomplexe” (ebd., p. 364).
Diese Definition gründet auf die semiotische Kulturtheorie von Posner, in der drei Bereiche von Kulturen, die materiale Kultur (Zivilisation), die mentale Kultur (Mentalität) und die soziale Kultur (Gesellschaft) unterschieden werden. Die Ergebnisse der Zeichenhandlungen, also die Menge von Texten (materiale Kultur) ist jedoch nicht beliebig, sondern steht mit Denkweisen (mentale Kultur) und gesellschaftlichen Verhältnissen (soziale Kultur) in Zusammenhang. Aus den Texten werden zunächst Textmuster (z.B. inhaltsbasierte Textmuster, intertextuelle Bezugnahmen, textuelle Eigenschaften usw.) extrahiert, und diese in unterschiedlicher Weise auf Denken und Gesellschaft bezogen. Diese Bezüge werden bei Siefkes Diskursmuster genannt.
Ich habe die Metapher „Österreich ist ein Laboratorium für Ungarn“ auf der Folie der von Siefkes ermittelten Diskursmuster analysiert.
Die wichtigsten Ergebnisse der Forschung lassen sich wie folgt kurz zusammenfassen:
1. Die Metapher bildete die Grundlage der Herausbildung eines selbständigen Diskursstranges im ungarischen Corona-Diskurs in den Jahren 2020-2022. Elemente dieses Diskurstranges bilden neben den erwähnten 11 Texten aus den Jahren 2020-2021 weitere 55 Online-Medientexte aus den Jahren 2020-2022, in denen die Metapher von anderen Diskursakteuren wiederaufgenommen und weiter verarbeitet wird Diese Metapher ist in Ungarn mit dem Diskursthema Corona-Pandemie eng verbunden, sie kommt in keinem anderen Diskurs vor. Als Inhalt wird in der Metapher eine Corona-Maßnahme der ungarischen Regierung beschrieben, die darin bestand, das Nachbarland Österreich zu beobachten und aufgrund der österreichischen Erfahrungen Maßnahmen in Ungarn zu treffen. Somit vermittelt die Metapher eine spezifische Sichtweise des Diskursthemas Corona-Pandemie, die die Interessen und Sichtweisen einer bestimmten Akteurengruppe, nämlich der ungarischen Regierung widerspiegelt.
2. In dem Untersuchungszeitraum werden die Metapher und der darin ausgedrückte Inhalt mit unterschiedlicher Häufigkeit verwendet. Nach der Erstverwendung wird die Metapher im April 2020 in drei weiteren Texten gebraucht, um sie in den Diskurs einzuführen bzw. dort zu verankern. Ihre Wiederverwendung dient zum einen zu ihrer Verbreitung und Durchsetzung im Diskurs, zum anderen wird der Inhalt der Metapher mittels positiver Bewertung immer wieder bestätigt. Die letzte Verwendung erfolgt im Dezember 2021, als sich der ungarische Ministerpräsident von seiner eigenen Metapher distanziert.
3. Auch der in der Metapher ausgedrückte Inhalt modifiziert sich leicht mit der Zeit: Ursprünglich wird in der Metapher als Inhalt Österreich bzw. die österreichischen Corona-Maßnahmen BEOBACHTEN ausgedrückt. Später gesellt sich zum BEOBACHTEN der inhaltliche Aspekt Österreich, d.h. den österreichischen Kanzler KONSULTIEREN. Im darauffolgenden Schritt wird mit der Metapher auch der Inhalt Österreich d.h. die österreichischen Corona-Maßnahmen BEFOLGEN zum Ausdruck gebracht. Ende 2021 wird mit der Metapher Österreich NOCH BEOBACHTEN aber nicht mehr KONSULTIEREN und auch nicht mehr BEFOLGEN gemeint.
4. Die untersuchte Labor-Metapher gilt als festes Element der Corona-Krisenkommunikation des ungarischen Premiers in den Jahren 2020-2021.Als Leiter der politischen Regierung in Ungarn kam ihm in einer Krisensituation, wie die Corona-Pandemie, musste er auch als eine kommunizierende Macht auftreten. Als solche hatte er die Aufgabe die Bevölkerung über die Krisenlage und die von der Regierung gewählten Lösungsstrategien zu informieren. Dies erfolgte −wie dies in Krisenzeiten üblich ist − nach einem vorbereiteten Kommunikationsplan und nach eingespielten Abläufen. Der Entstehung und auch der Gebrauch der Metapher sind in diesem Kontext zu deuten.
Im Rahmen der Analyse konnte ich zeigen, wie der in der Metapher „Österreich ist ein Laboratorium für Ungarn“ ausgedrückte Inhalt im Laufe der Zeit parallel zu den sich ändernden Verhältnissen der Corona-Pandemie in Ungarn weiterentwickelt wurde, um die ursprüngliche Metapher auszudifferenzieren und zu nuancieren.